Handlung
11. April 2025 - gegen 22:45 Uhr
Im AC Motel, in einer beliebten und belebten Ausgehgegend in Astoria City hatte sich Alexander "Alex" Holbrook ein Zimmer gemietet. Mehr war finanziell nicht drin gewesen.
Der Raum roch nach neutralisiertem Reinigungsmittel. Nach einem Versuch, alles Persönliche zu tilgen, bevor es jemand bewohnt. Alex saß regungslos auf dem schmalen Bett, den Blick auf die Kante des Nachttischs gerichtet. Sein Termin beim U.S. Military Health Service war für den nächsten Vormittag angesetzt – „Erstgespräch mit optionaler Anschlussversorgung“. So stand es auf dem ausgedruckten Zettel, den er dreimal gefaltet hatte und der jetzt auf dem Boden lag, achtlos aus der Jackentasche gefallen.
Er hatte keine Ahnung, was ihn dort erwartete. Vielleicht wieder dieselben Fragen. Dasselbe passive Lächeln. Dieselbe Unsicherheit, ob man ihn ernst nehmen oder ihn als eine weitere Zahl in irgendeine Statistik einsortieren würde.
Seine Hände lagen auf den Oberschenkeln, schwer wie Beton. Abgearbeitete Gelenke, leicht zitternd. Der Lärm von draußen drang durch die Fenster – Autos, Sirenen, Gesprächsfetzen. Zu viel. Zu nah. Es klang wie Funksprüche, wie das Knacken von Headsets kurz vor dem Feuerbefehl. Alex schloss die Augen. „...zähle bis drei, atme bis vier, halte still bis fünf...“ – der Spruch war aus einem dieser Videos. Mit monotoner Stimme vorgetragen, begleitet von animierten Wellen und fade designten Icons. Er hatte das Ding auf seinem Dienst-Tablet gesehen, als sie ihn in der Sammelunterkunft in West Oaklin durch die Entlassungsroutine geschleust hatten. Keine Fragen. Keine Diagnosen. Nur: Danke für Ihren Dienst – bitte schließen Sie das Modul ab. Aber wie sollte das helfen zu vergessen, dass jemand neben dir in zahlreiche Teile gerissen wurde?
Er war hier, weil sie gesagt hatten, das müsse so. Weil es ein Gesetz gab. Absatz 3. „Nehmen Sie die Leistungen des U.S. Military Health Service in Anspruch.“ Er hatte keine Ahnung, ob er Anspruch auf etwas hatte.
Die Stadt war zu hell. Das Zimmer zu still. Und in seinem Schädel war es zu laut. Er öffnete die Augen, blickte zum Rucksack, der offen auf dem Tisch lag. Darin das Notizbuch, das ihm geblieben war. Voll mit Gekrakel, mit Kartenfragmenten, mit Dingen, die er nachts aus dem Kopf holen musste, um morgens nicht daran zu ersticken. Er stand auf, ging ans Fenster, lief drei Schritte im Kreis. Ging wieder ans Fenster. Immer wieder blickte er nach draußen. Irgendwie fühlte er sich beobachtet.
Und dann im Augenwinkel: Dieser Mann? Dunkle Jacke. Hellhäutig. Bart. Jemand sprach mit ihm. Alex' Herz schlug schneller. Er wusste nicht warum. Aber etwas an dem Mann wirkte… falsch. Oder war es nur sein Kopf, der ihn wieder täuschte?
Er presste die Stirn gegen die kalte Scheibe. „Nur durchhalten“, murmelte er. „Bis morgen. Nur durchhalten.“